Das Klassenzimmer in den Alpen

Mittwoch, 10. Juli 2024

Wie macht man ein so komplexes Thema wie den Klimawandel in den Alpen für Volksschüler (be)greifbar? Nicht weniger als die Antwort auf diese Frage war das Ziel der Projektwoche der Volksschule Wörth im Pinzgauer Raurisertal – wofür sie prominente Unterstützung gewinnen konnten. Eine Reportage darüber, was Schule alles sein kann.

Erste Schulstunde: Steine klopfen und Bergkristalle suchen. Zweite Schulstunde: Wandern und Ameisen essen. Dritte Schulstunde: Wetter und Klima verstehen lernen. Vierte Schulstunde: Müll sammeln im Dorf. Und in der großen Pause ein Kaßpressknödel auf der Sonnenterrasse des Ammererhofs auf 1650 Metern in Kolm Saigurn.

Was wie ein Wunschtraum klingt, ist die Projektwoche der Volksschule Wörth im Raurisertal im Salzburger Pinzgau. Das Thema dieses Jahres: Klimawandel in den Alpen begreifbar machen. Kolm Saigurn, der Talschluss des Raurisertals, ist perfekt dafür geeignet. Der Hohe Sonnblick dominiert die Landschaft und beherbergt das Sonnblick Observatorium der Geosphere Austria, Europas höchste Forschungsstation. Seit 1886 werden hier umfangreiche Messdaten unserer Atmosphäre gesammelt.

Dr. Elke Ludewig, Leiterin der Forschungsstation, nahm sich einen Vormittag Zeit, um den rund 60 Kindern zu erklären, was die Forscher auf über 3.000 Metern machen. „Das Observatorium ist unser hochalpines Hightech-Forschungsschiff“, sagt die 37-jährige Meteorologin. Wenn die Kinder erfahren, dass die Forscher manchmal mit Skiern durch den frischen Pulverschnee zu den Messstationen fahren, ändert sich so mancher Berufswunsch vom Baggerfahrer zum Klimaforscher. „Seit den 1950er Jahren haben wir hierzulande einen Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad gemessen, hochalpine Lagen sind besonders stark betroffen“, erklärt Ludewig

Als die Mure kam

Die Theorie wird durch Praxis veranschaulicht: Am 28. August 2023 donnerte eine riesige Mure ins Tal. „Es war ein gewittriger Vormittag, plötzlich konnten wir autogroße Blöcke ins Tal gleiten sehen“, erinnert sich Miri Popp, die Juniorchefin am Ammererhof. Insgesamt spülte die Mure 800.000 Kubikmeter Geröll ins Tal und veränderte das Landschaftsbild. Neben punktuellem Starkniederschlag war auch der auftauende Permafrost am Hohen Sonnblick verantwortlich. Das Observatorium musste aufwändig stabilisiert werden.

Die Projektwoche zielt darauf ab, solche Ereignisse besser zu verstehen. Lena, Raphaela und Magdalena vom Verein POW – Protect our Winters erklärten den Kindern, dass jeder, der Berge und Schnee liebt, sich für Klimaschutz einsetzen sollte. Ein Freeride-Video begeisterte die Kinder, die jeden Freitag im Winter gemeinsam auf die Piste gehen. Weniger Schnee ist ein ernstes Problem, weshalb Tabea Kury vom Skihersteller Atomic über Recycling von Skiern und umweltfreundliche Skischuhe sprach. Die Kinder lernten, dass sie Teil der Lösung sein können: „Wir können alle etwas beitragen."

Stoandlsuachn

Am nächsten Tag ging es weiter mit dem Steine-Suchen. Kolm Saigurn war einst ein Zentrum des alpinen Goldbergbaus. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Gelegenheit, mit erfahrenen Steinsuchern wie Josef Rathgeb, Ludwig Rasser und Herbert Fletzberger auf Schatzsuche zu gehen. Dabei lernten sie nicht nur das Handwerk des Steinesuchens, sondern erfuhren auch viel über die Geschichte und Geologie der Region. Die Mineraliensuche hat im Raurisertal eine lange Tradition. „Es ist uns wichtig, diese Faszination an die Jugend weiterzugeben“, sagt Josef Rathgeb. Am Ende des Tages ging jeder Schüler mit einem Dutzend Kristallen und einem breiten Grinsen nach Hause. So mancher Berufswunsch hat sich heute vom Fußballspieler zum Steinsucher gewandelt.

Wetterkunde mit Ranger

Beim Wetterkundeunterricht mit Ranger Ekkehard Heider lernten die Kinder spielerisch über Temperatur, Luftdruck und Wind. Ekki, wie ihn alle nennen, arbeitet als Chefranger im Nationalpark Hohe Tauern. Er erklärte, dass Wetter aus sechs Zutaten besteht, ähnlich wie beim Kochen. Unter Ekkis Anleitung erarbeitete sich die Klasse die „Zutaten“ der Wetterküche: Temperatur, Luftdruck, Wind, Föhnwind und Meeresströmungen. Ekki hat Erfahrung darin, Kindern komplexe Sachverhalte anschaulich zu vermitteln. Der Nationalpark Hohe Tauern bietet ein vielfältiges Bildungsangebot für Schulklassen. „Es ist etwas ganz anderes, ob ein Kind im Klassenzimmer etwas über Baumarten lernt oder ob wir draußen sind und die Bäume bestimmen“, sagt Volksschuldirektor Josef Rasser. Und die Kinder lernten auch: Waldameisen kann man essen. „Schmeckan tan‘s besonders gut, wenn ma viel Durst hat“, sagt Rangerin Andrea Fürstaller. Drittklässler David schaffte gleich acht und meinte stolz, „die schmecken nach Zitrone!“

Tausche Müll gegen Schnitzel

Am nächsten Tag der Projektwoche ging es darum, dem Tal und der Dorfgemeinschaft etwas zurückzugeben. Mit Renate Steinacher, einer Expertin im Müllsammeln, lernten die Kinder, dass Müllsammeln nicht weh tut. Renate gründete den gemeinnützigen Verein „#es tut nicht weh“, der sich für saubere Natur und müllfreie Berge einsetzt. Die gesamte Grundschule Wörth zog in 20 Kleingruppen mit Müllsäcken und Müllzangen durch den Ort. Die Aktion fiel jedem auf, manche Passanten schlossen sich spontan an, manche steckten den Kindern Geld zu. Zur Belohnung gab es Schnitzel und Pommes für alle.

Auch wenn die Projektwoche anstrengend war, merkten die Kinder das nicht. Sie probten sogar noch für das Abschlussfest, bei dem sie Lieder über Umweltschutz sangen. Volksschuldirektor Josef Rasser dankte allen Beteiligten und betonte den Lerneffekt für Kinder und Erwachsene. Im Raurisertal fühlt man sich für die Zukunft gewappnet. www.raurisertal.at